E D I T O R I A L — Dirk Eicken Reisebericht Nr. 2 Schwärmen ist total mega out. Coolness ist angesagt. Doch dann treffe ich: Alexander Gysler. Er gerät bei der Führung durch seine Weinberge so richti
E D I T O R I A L — Dirk Eicken
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Reisebericht Nr. 2Schwärmen ist total mega out. Coolness ist angesagt. Doch dann treffe ich: Alexander Gysler. Er gerät bei der Führung durch seine Weinberge so richtig ins Schwärmen. Das Rotliegend. So heißt die geologische Schicht. Eine bröselige mit vielen kleinen Steinen durchsetzte, selbst im trockenen Zustand rote Schottererde. Hier im Rotliegend wachsen seine Reben. Darunter lagert Sandstein. Früher hatte jede Familie auf ihrem Stück Land einen kleinen Steinbruch. Dort herausgehauen sind die Häuser im Dorf. Auch das Gyslersche. Er zeigt mir die Stelle im Weinberg, wo der Stein für das Haus von seinen Vorfahren gebrochen wurde. Rötlicher Sandstein. Holz zum Bauen gibt es hier in der offenen welligen Ebene nicht.
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Ins Schwärmen komme auch ich: bei den Farben. Gebäude, Erde, die Steinabbrüche, sie gehen farblich ineinander über und schaffen eine in Deutschland seltene, beinahe mediterrane und raue Atmosphäre. Vielleicht rührt das Mediterrane aus jener Zeit im 18. Jahrhundert, als - damals schon! - Gastarbeiter aus Apulien in den Steinbrüchen arbeiteten, wahrscheinlich auch ihr Wissen und ihre Eigenarten mitbrachten. Damals jedenfalls entstanden viele der Sandsteinhäuser und ein gewisser Wohlstand in der Gegend. Farbe, Luft und raue Steine erzählen den Rythmus dieser lichtdurchfluteten Landschaft in Rheinhessen.
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Heute weht eine frische Brise über die Weinheimer Hölle und dem Kirchenstück, den beiden das Dorf umkreisenden Hanglagen der Reben. Wind beinahe wie an der Nordsee. Ein sehr charakterischer Duft liegt in der Landschaft, trocken, kräuterig, etwas süß, und erinnert ein wenig auch an den Geruch der Nordseedünen. Frischer Wind, erzählt Alexander, ist oft da, läßt die Reben gesund und kräftig werden. Die sommerliche Wärme, die kühle Durchwindung der Rebanlagen, die Verbindung mit dem Rotliegenden und tief in die Bodenschichten verzweigte Wurzeln verhindern in der Regel Krankheiten oder Austrocknung.
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Und dann ist da, zur Seite geneigt, eine besondere Hanglage. Die steilste. Der Mandelberg. Rotliegend-Lava. Vor 30 Millionen Jahren lag Weinheim knapp oberhalb des Äquators, die Küstenlinie eines Warmmeeres lag genau hier, Gesteinsschichten vulkanischen Ursprungs aus der Rotliegend-Zeit wurden angeschwemmt. Nur ein dreiviertel Hektar Rotliegender Vulkan, bester Riesling. Dieser steile fruchtbare Hang geht neben Alexanders Reben weiter, wurde aber vom städtischen Weingroßbetrieb stillgelegt, zu steil zu unwirtschaftlich. Alexander Gysler würde gerne die Lage übernehmen, stattdessen machte die Kreisstadt eine Ausgleichsfläche für den Naturschutz daraus, ausgerechnet aus diesem kostbarsten Stück Land, das mit Alexanders Fürsorge biodynamisch gesunden könnte. So stellt sich unsere Kultur manchmal selbst ein Bein.
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Mandelberg - Riesling in den 1960er gepflanzt
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Die Windräder auf den Anhöhen stehen - auch hier - zur Hälfte still. Zwar bläst die Brise, ein frischer Ruck durch die Gesellschaft geht aber noch lange nicht. Wir sollten die ökologische Wende mit größerem Elan angehen! Wie die Sache mit den Gastarbeitern: sie mit offenen Armen empfangen! Warum sollten wir das nicht können? Statt mäkelig zerreden: freudig anpacken. Etwas unterhalb der Windräder, wo die Felder in die Hanglage übergehen, stehen Alexanders Rieslinge, Weissburgunder, Grauburgunder, Scheurebe und ein kleines Feld Chardonnay. Volle Konzentration auf diese wenigen Sorten. Der Riesling, seine liebste Rebe, wird wohl eines Tages der Klimaerwärmung zum Opfer fallen, darauf müssen wir uns einstellen. Noch ist es nicht so weit, noch schafft der Riesling die Temperaturen. Alexander will dieser altehrwürdigen Traube seine persönliche Handschrift geben, zeigen welch' feine Eleganz möglich ist, und zwar als leisetönender Winzer-Freak des Naturweins. Gerade hat er neue Rieslingreben gepflanzt, eine robuste Sorte mit kleinen Beeren und geringen Ertrag. Er unternimmt alles, damit die Stöcke gesund heranwachsen, Resistenz entwickeln. Das gelingt nur bei Verzicht auf Chemie. Nur, wenn alle Lebenskraft aus der Pflanze selbst erwächst und nicht gepimpert wird. Wenn er als Winzer bereit ist, die Wirkkräfte der Natur gewähren zu lassen. Und um das Bild abzurunden: was hier in der Lage nicht absolut gesund gedeiht, kann im Weinkeller nicht mehr "repariert" werden. Draußen, da entscheidet sich alles.
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Was für krasse Weisheiten blitzen da auf! Wie nimmt man eine coole Gesellschaft mit zu solch’ irren Zusammenhängen? Vorbei an dem Geplapper der Werbetafeln und Hochglanzspots. Vorbei und geradewegs hin zu Menschen wie Alexander Gysler. Zu einem dieser verwegenen Naturwinzern. Noch immer haben sie, die Wenigen (gerade mal zwei - ihn mitgerechnet - sind es im Dorf) einen schweren Stand, werden nach zwanzig Jahren noch immer nicht ernst genommen. Und wenn sie dann außerhalb in der weiten Welt Erfolge einfahren, dann entfernt sie das eher noch mehr vom Dorf. Jaaa, muss das so sein? Es könnte doch auch ein Ansporn für Andere bedeuten.
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konventionell: einmal entlanggespritzt, außer Moos ist alles tot, auch die untersten Triebe der Weinstöcke
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biodynamisch: reges Leben, verschattet, gemulcht, die Erde krümelig feucht.
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Im Keller schließlich warten die Unwägbarkeiten der Spontanvergärung. Lässt man die natürlichen Hefen auf den Trauben selbsttätig den Gärvorgang verrichten, muss man sich darauf verlasssen, dass sie genügend Ausdauer mitbringen, damit der Gärprozess nicht vorzeitig beendet wird, bevor sämtlicher Zucker umgewandelt ist. Da steht man dann als Winzer ganz allein. Fiebert, dass es geht. Aber natürlich geht es. Nur hat der Mensch in den vergangenen Jahrzehnten das Vertrauen (fast) verloren. Man kann es eben nicht vorausplanen. Da gibt es immer Überraschungen. Manchmal böse, doch meistens großartige. Wenn es gelingt, geschehen überaus komplexe Vorgänge, die nur in Spontanvergärung möglich werden. Für diese Prozesse bringt der Naturweinwinzer ein Grundvertrauen mit, und über die Jahre viel Erfahrung und Wissen. Die Ergebnisse sind jedes Mal einzigartig.
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Zum Thema Planen. Die ganze lange Palette von tierischen und chemischen Zusatzstoffen aus dem Produktbaukasten, mit denen Weingüter ihre Weine systematisch planen und zurechtdesignen; ist uns eigentlich klar, welche Cocktails wir da schlucken? - Darauf zu verzichten heißt: genau zu beobachten, wie natürliche Prozesse verlaufen. Alexander berichtet zum Beispiel, dass feine Nuancen, die der Wein im Holzfass und im Stahltank hatten, nach dem Abfüllen in die Flaschen verloren gingen. Allein durch den Druck der Abfüllanlage. Zunächst hoffte er, dass der Wein wieder zur Ruhe käme, mit der Zeit, in der Flasche. Zur Ruhe kam er zwar, doch 100% zufrieden ist Alexander dennoch nicht. Nächstes Mal soll ohne Druck abgefüllt werden. Händisch. Das ist sehr aufwendig aber schonender. Sind solche Überlegungen spinnert? Zu elaboriert? Oder eben gerade umgekehrt: nötig, der Natur zuzuhören und nicht über sie hinweg zu planen und zu designen. Nicht nur die schöne geschmackliche Nuance, sondern auch die komplett andere Haltung, aus der sie entsteht, machen doch den qualitativen Unterschied. Oder?
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So sind wir schließlich nach dem Rundgang durch die Weinberge und den Weinkeller zum Schmecken gekommen. Das große Thema bei uns im NaNum. Schmecken heißt der Natur nachspüren. Sie verstehen lernen. Erfahren, dass sie uns Gutes will, wenn wir sie nur lassen. Was gibt es Cooleres als da ins Schwärmen zu kommen!?
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Herzliche Grüße aus dem NaNum
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Info: Die Weine von Alexander Gysler und alle anderen im NaNum vorgestellten Weine können über die Liesl Weinwirtschaft, der ganz besonderen Anlaufstelle für ausgewählte Naturweine in der Nogatstr. 30, Berlin-Neukölln, bezogen werden.
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