Spanien kauft so viel russisches Gas wie nie

Der spanische Netzbetreiber Enagás betreibt die größte Regasifizierungsanlage Europas.
Quelle: Emilio Morenatti/AP/dpa
Madrid. Spanien ist in einer beneidenswerten Lage: Es kann sein Gas einkaufen, wo es will. Knapp die Hälfte seiner Importe kommen als Flüssiggas an einer seiner sechs Regasifizierungsanlagen an – es hängt nicht an der Nabelschnur einer Megapipeline wie Deutschland. Spaniens Hauptlieferant sind seit Anfang dieses Jahres die USA, die gut ein Drittel des Bedarfs decken, noch vor Algerien und Nigeria – und schließlich Russland, das in diesem ersten Halbjahr gut 10 Prozent zum spanischen Gasmix beitrug.
Das ist möglich, weil russisches Erdgas nicht zu den Gütern gehört, über die die Europäische Union einen Boykott verhängt hat. Es sei aber „empfehlenswert“, sagt die spanische Umweltministerin Teresa Ribera, dass die spanischen Vertriebsfirmen „alternative Quellen“ suchten.
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Passiert ist gerade das Gegenteil: Im Monat Juni hat sich Spanien so viel russisches Gas kommen lassen wie noch nie, in absoluten Zahlen etwa ein Drittel mehr als im Juni vergangenen Jahres und 24,4 Prozent in Relation zum diesjährigen Juni-Gesamtgasimport. „Im Juli werden wir wieder bei 10 Prozent sein“, verspricht der CEO des Netzbetreibers Enagás, Arturo Gonzalo, der den plötzlichen Anstieg mit Wartungsarbeiten französischer Anlagen erklärt, die eine Umleitung der Gaseinfuhren über Spanien und Belgien nötig gemacht haben.
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Spanien kann dank seiner Regasifizierungsanlagen heute schon als Hub – also als Gasverteilstelle – für Europa funktionieren, braucht aber noch bessere internationale Verbindungen, um das Geschäft auszuweiten und dem Rest des Kontinents von bedeutendem Nutzen zu sein. Enagás-Chef Gonzalo stellte am Dienstag sein Strategiepapier bis 2030 vor. Zwei Projekte ragen heraus: eine dritte Pipeline, zu den zwei bestehenden, über die Pyrenäen nach Frankreich, und eine Pipeline durchs Mittelmeer nach Italien. Das ist ziemlich sensationell, noch vor Kurzem hätte eine solche Verbindung niemand für nötig gehalten. Doch die russische Krise hat die Europäer daran erinnert, dass sie ein gutes gemeinsames Versorgungsnetz brauchen. Spanien will in diesem Netz eine herausragende Rolle spielen.
Auf mittlere Sicht soll der europäische Erdgaskonsum auf null gehen. Dann, so erwartet Gonzalo, wird die heute gebaute Infrastruktur für grünen Wasserstoff nutzbar sein. Auch da bietet Spanien Vorteile: viel Sonne und viel Platz für Solaranlagen. Der Enagás-Chef ist davon überzeugt, dass der grüne Wasserstoff „viel früher wettbewerbsfähig sein wird, als viele erwartet haben“.
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