E D I T O R I A L — Dirk Eicken ich erzähl dir was Wir Menschen brauchen große Erzählungen. Die helfen, einen Ort in der Welt zu finden. Uns das einsame Befragen des Wo, Woher und Wohin ein Stück weit
E D I T O R I A L — Dirk Eicken
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ich erzähl dir wasWir Menschen brauchen große Erzählungen. Die helfen, einen Ort in der Welt zu finden. Uns das einsame Befragen des Wo, Woher und Wohin ein Stück weit abnehmen. Die Erzählung über Freiheit, sozialer Gleichheit und Mitbestimmung ist so eine große Erzählung.
Sie steht im krassen Wettbewerb zu anderen Narrativen, die einfache Antworten geben, die hemmungslos Tatsachen verfälschen und deshalb nichts weiter als Propaganda verbreiten. - Warum ist die Erzählung über Freiheit nicht propagandistisch? Weil unter ihrem Schirm unendlich viele Facetten dieser Geschichte Schutz finden, die Erfahrungen unendlich vieler Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensläufen. Alle diese Erzählungen stehen für sich und geben zusammen einen bunten, sinnlichen und sinnerfüllten Strauß.
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getrocknet: Rettich, Pilze, Aubergine, Zucchini
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Auch wir im NaNum finden Platz in diesem Blumenstrauß. Unsere NaNum-Geschichte beginnt nicht auf dem Teller und endet nicht am Gaumen, sondern ist Teil einer längeren Geschichte. Sie fängt auf der Empore in der Keramikwerkstatt an, mit der Herstellung von Tonware als “Unterlage” für die Gerichte. Sie berichtet von weither, von dort, wo irgendwann einmal die alten Techniken der Zubereitung entstanden sind, unter lokalen Bedingungen, im meist entbehrungsreichen Alltag der Menschen. Sie begleitet den Abend ohne viel Bohei und Gedöns mit Herzlichkeit und warmer Gastfreundschaft. Und will das Ende öffnen mit neuen Eindrücken, erfüllt mit einer anderen Einbindung der scheinbar lapidaren Tätigkeit Essen.
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angesetztes DönDsang und Sojasauce
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Zu unserer Geschichte gehört, dass die Arbeit im NaNum sich nicht über Lohn abrechnen lässt. Da geht es uns nicht anders als manch Anderen, die immer weiter forschen und experimentieren. Auf einen vernünftigen Stundensatz umgerechnet, wäre selbst das Doppelte oder Dreifache des Menüpreises nicht auskömmlich. In unserem Fall: die Arbeit im Garten, das ganze Fermentieren und regelmäßige Kümmern darum, der Platz zum Lagern und die lange Zeit des Gärens, die endlosen Experimente sowie die Kontakte mit den Produzentinnen, das Herstellen der Tonware für das Geschirr - und vieles mehr - ist mit Geld nicht aufzurechnen.
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Zu dieser Feststellung gehören zwei Wahrheiten. Die eine benennt das Ausmaß, in dem heute der tatsächliche Preis des Essens vergessen wird. Willentlich vergessen, um andere Dinge des Konsums (ital. = Verbrauch) sich leisten zu können. Diese Wahrheit ist bitter und folgenreich, weil sie sagt, dass die unmittelbarste Berührung, bei der wir täglich etwas in unseren Körper reinlassen, das Essen, nicht wirklich geschätzt und irgendwie nicht gewollt ist. Zwar geschieht in Teilen der jungen Generation ein langsames Umdenken, dennoch sollte man die verqueren Maßstäbe beim Namen nennen. Nicht das teure Gericht ist elitär, sondern unser Verlangen nach Wohlstand, beziehungsweise was wir meinen dass es Wohlstand sei, ist verblendet elitär.
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Die andere Wahrheit handelt vom Geben. Die Anthropologin Gamze Ineceli erzählte uns von einer bäuerlichen Familie aus Anatolien. Auf der heißen kargen Hochebene arbeiten alle Familienmitglieder von morgens bis abends. Immer weniger Menschen nehmen diese harte Arbeit auf sich, weil sie kaum davon leben können. Von der Ernte und den großartigen Produkten die sie herstellen, essen sie nur Reste. Trotz allem: wenn ein Gast in ihr Haus tritt, bringen sie das Beste der Produkte auf den Tisch, was sie selbst nie essen würden. Was für ein Geben! Was für eine Geste an Menschlichkeit! In Korea ist es übrigens üblich als erstes immer zu fragen, wenn jemand zuhause vorbeikommt: Hast du schon gegessen? *
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Sud von fermentierten Rettich und Rote Bete mit Ruccola Blüte
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Herzliche Grüße aus dem NaNum
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