Nordhausen. Besondere Tage stehen vor der Tür: Nordhausen erinnert mit mehreren Veranstaltungen an den April 1945. Unter den Gästen ist ein früherer amerikanischer Botschafter.

Vor 80 Jahren, am 11. April 1945, wurde das Konzentrationslager Mittelbau-Dora durch US-amerikanische Truppen befreit. Anlässlich des 80. Jahrestages lädt die KZ-Gedenkstätte zu zahlreichen Veranstaltungen im Gedenken an die 60.000 Häftlinge ein, die zwischen 1943 und 1945 nach Nordhausen in das KZ verschleppt worden waren.

In den Lagern des KZ Mittelbau-Dora fanden die US-Truppen bei der Befreiung nur noch wenige Überlebende vor. Die allermeisten Häftlinge waren kurz zuvor auf Räumungstransporte in Richtung anderer Lager getrieben worden. Entlang der Wegstrecken dieser Transporte starben unmittelbar vor Kriegsende noch Tausende Häftlinge aus Erschöpfung oder durch die Gewalt von Wachmannschaften und Zivilisten. Die Veranstaltungen zum Jahrestag sind daher auch Anlass zur Würdigung all derjenigen, die ihre Befreiung nicht mehr erlebten.

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Die zentrale Gedenkfeier ist am Montag, 7. April, in der KZ-Gedenkstätte. Sie beginnt um 11 Uhr in der rekonstruierten Unterkunftsbaracke. Julia Romantschenko hält die Gedenkrede. Sie ist die Enkelin von Boris Romantschenko, der als Jugendlicher die Zwangsarbeit und KZ-Haft in Mittelbau-Dora, Buchenwald und weiteren Konzentrationslagern überlebt hatte und nach seiner Befreiung in die Ukraine zurückkehrte. Vor drei Jahren wurde er bei einem russischen Angriff auf seine Heimatstadt Charkiw getötet. Im Anschluss an die Gedenkfeier erfolgt eine Kranzniederlegung auf dem Vorplatz des ehemaligen Krematoriums.

Albrecht Weinberg erlebt seine Befreiung in Bergen-Belsen

Zur Gedenkveranstaltung wird ein Überlebender des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora in Nordhausen erwartet: Albrecht Weinberg. Er kam Anfang 1945 mit einem Räumungstransport aus dem Konzentrationslager Auschwitz nach Mittelbau-Dora. Seine Befreiung erlebte er allerdings nicht in Nordhausen. Noch im April, kurz vor Ankunft der US-Truppen, war er auf einen Räumungstransport ins KZ Bergen-Belsen getrieben worden. Er wurde dort am 15. April befreit.

Mittelbau-Dora
Albrecht Weinberg, Überlebender des KZ Mittelbau-Dora, während einer seiner Besuche in der Gedenkstätte. © Jesco Denzel

Ebenso zur Gedenkfeier erwartet werden Familienangehörige der US-amerikanischen Veteranen, die im April 1945 die Stadt Nordhausen erreichten und das KZ Mittelbau-Dora befreiten. Einer von ihnen ist James D. Bindenagel, Sohn eines US-amerikanischen Befreiers und ehemaliger Botschafter der USA in Deutschland. Er wird bei der feierlichen Eröffnung des neugestalteten Ehrenfriedhofs in Nordhausen am 7. April um 15 Uhr eine Gedenkrede halten. „Der Besuch zahlreicher Familienangehöriger aus vielen Ländern und ihrer internationalen Verbände zeigt sehr anschaulich, dass die Jahrestage der Befreiung auch für die nächsten Generationen weiterhin von zentraler Bedeutung sind“, sagt Gedenkstättenleiter Andreas Froese. 

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Auf dem Ehrenfriedhof gegenüber dem städtischen Hauptfriedhof waren 1945 auf Anordnung der amerikanischen Befreier die Leichen von mehr als 2000 KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern bestattet worden. Jetzt wurde der Friedhof durch die Stadt komplett neugestaltet, um wieder ein würdiges Gedenken zu ermöglichen. Internationale Häftlingsverbände hatten zuvor auf das vernachlässigte Erscheinungsbild des Ortes hingewiesen. 

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Zudem wird auch die neue Outdoor-Ausstellung „Nach der Befreiung. Mittelbau-Dora im Frühjahr 1945“ eröffnet, die die KZ-Gedenkstätte ab April in Kooperation mit den Städten Nordhausen und Ellrich präsentiert. Sie richtet ihren Blick auf das Hauptlager und einige Außenlager des KZ Mittelbau-Dora und ihre Umgebung in den Wochen nach der Befreiung 1945 und zeigt anhand von historischen Bildern, wie Befreite, Befreier sowie die lokale Bevölkerung diese Zeit erlebten. Am Ort des ehemaligen KZ-Außenlagers Ellrich-Juliushütte findet am Dienstag, 8. April, um 10.30 Uhr eine Gedenkveranstaltung statt.

Zeitzeugengespräch mit Hundertjährigem in Bibliothek

Am Abend des 8. April lädt die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora dann ab 19 Uhr zu einer Begegnung mit dem Überlebenden Albrecht Weinberg in die Nordhäuser Stadtbibliothek ein. Weinberg, der zuletzt zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde und im März dieses Jahres seinen 100. Geburtstag feierte, berichtet in einem Zeitzeugengespräch von seiner Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus, der KZ-Haft in Auschwitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen sowie von seinem Leben nach der Befreiung.

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Bereits am Sonntag, 6. April, eröffnet der Verein Jugend für Dora um 17 Uhr seine Outdoor-Ausstellung „Vorsicht zerbrechlich? Erinnern um Nordhausen“ vor der Nordhäuser Frauenbergkirche. Die Ausstellung des Vereins, der in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag feiert, beleuchtet den Umgang mit Erinnerungsorten für die Opfer des KZ Mittelbau-Dora in der Region und fordert zu einem bewussteren Umgang mit Gedenkzeichen auf.

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Außerdem wird am 6. April das neue digitale Gedenkbuch zu den Ermordeten des Massakers von Gardelegen online freigeschaltet. Bei diesem Todesmarschverbrechen am 13. April 1945 wurden mehr als 1000 Häftlinge aus den KZ-Komplexen Mittelbau und Neuengamme nur wenige Stunden vor dem Eintreffen US-amerikanischer Truppen ermordet. Das neue Gedenkbuch, das durch die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen in enger Kooperation mit der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora erarbeitet wurde, ermöglicht individuelle Recherchen zur namentlichen Identität und Herkunft der Ermordeten und zu ihren Grablagen auf dem Ehrenfriedhof in Gardelegen. red