Liebe Feinschmeckerin, Lieber Feinschmecker,um das Essen wird viel zu viel Brimborium gemacht. Ihr denkt jetzt vielleicht, ich wolle damit sagen, Essen müsse einfach nur lecker sein. Nee, so meine ich das nicht. Lecker ist eine Kategorie der Gewohnheit. Wenn ich jede Woche Bratwürste von meiner Hochleistungsgartengrillmaschine verzehre, freue ich mich jede Woche neu und finde soetwas lecker. Gewohnheit ist eine schlechte Ratgeberin. Da lobe ich mir doch eher eine echte unerwartete Neuentdeckung. „Wow, so habe ich das Gemüse ja noch gar nicht gegessen“, lässt meine Aufmerksamkeit gleich um das Vielfache steigen. Aber: das Neue um des Neuen willen? Auf der Jagd nach dem ultimativen, noch nie dagewesenen Kick? Du meinst, am Dinner-Abend etwas Besonderes erlebt zu haben und bist doch nur im Eiskanal der vielfachen Loops und Saltos gerutscht. Am Ende kommst du als taumelnder Erlebnisfreak aus der Röhre. Wo bleibt der Sinn, der Kern des Ganzen? Die Wärme? Handwerkliches Geschick bedeutet noch lange nicht, über die Geschicklichkeit hinaus etwas Sinnhaftes gesagt zu haben. Eine der schwierigsten Antworten auf unser viel zu wichtig genommenes Herumstolpern auf dieser Erde geht deshalb der Frage nach, was eigentlich Sinn macht. Wie wollen wir heute und in Zukunft leben, was ist für unser Leben gut? Bezogen auf unser Thema, ist das wahrscheinlich nicht die Bratwurst, und wahrscheinlich auch nicht der ultimative Kick. Harmonie und Gleichgewicht. Sie dürften wohl das Gegenmittel gegen die vielen sinnlosen Bedrohungen der heutigen Welt sein. Zu idealistisch? Zu naiv? Jedenfalls dreht sich in der jahrtausende alten ostasiatischen Forschung alles um das balancierte Gleichgewicht. Egal wie man zu diesem Kanon von Yin und Yang und den fünf Elementen steht, das alte koreanische Verständnis von Ernährung fußt eben auf diesem inneren Ausgleich. Wir sehen das weniger apodiktisch, eher als ein Leitbild. Dem seelischen Wohl dient die Harmonie im Essen. Soweit mein Verständnis reicht, scheint in diesem Leitbild der größte kulturelle Unterschied zu der westlichen Küche zu liegen, die eher einer Dialektik der Kontraste folgt. Vielleicht ist die Zeit reif, sich von dem kulturellen Unterschied inspirieren zu lassen. Die Kultur der Harmonie ist viel zu anarchisch um nur Gleichförmigkeit zu erzeugen, jedoch geht es ihr immer um das körperliche Befinden und nicht um gustatorische Raffinesse. So simpel es klingen mag, so schwierig es sein mag, sich darauf zu beschränken, am Ende zählt der Sinn und nicht das Brimborium. Wärme, die wir gerne am Tisch miteinander teilen wollen.
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