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Seetagebuch

Dana für Walther Herwig III, 486. Reise

Hermann Neumann, Sakis Kroupis


SF Institut für Seefischerei

Dauer der Reise:  7. bis 23. Februar 2025

Fahrtgebiet:  Nordsee

Zweck der Reise:  International Bottom Trawl Survey (IBTS)

Die Fahrt ist Teil des International Bottom Trawl Survey (IBTS), eines international koordinierten ICES-Programms, das darauf abzielt, Daten über Fischpopulationen und biologische Parameter kommerziell genutzter Fischarten zu Zwecken der Bestandsberechnungen zu gewinnen. Die Fahrt ist vom deutschen FFS Walther Herwig III auf das dänische FFS Dana verlegt worden. Die Fischproben werden in statistischen ICES-Rechtecken in der Nordsee mit Hilfe von GOV-Hols entnommen und von folgenden Maßnahmen begleitet:

  • physikalische Messungen mit einer CTD-Sonde (CTD steht für Leitfähigkeit, Temperatur, Tiefe)
  • Planktonschleppnetzfänge mit einem 2-m-Mittelwasser-Ringschleppnetz (MIK) zur Beprobung von Fischlarven
  • Probenahme von Umwelt-DNA (eDNA).

Außerdem ist ein umfassendes genetisches Probenahmeprogramm geplant, um die Parameter für die Bestandsabschätzung von Kabeljau und Scholle zu verbessern.

Der IBTS Q1 2025 auf dem dänischen Forschungsschiff DANA

Am Freitag den 7.2.2025 sind wir zu unserer jährlichen „Fischzählung“ in die Nordsee gestartet. Die deutsche Teilnahme am International Bottom Trawl Survey (kurz IBTS) ist eigentlich jährliche Routine und doch ist dieses Jahr alles anders. Denn wir sind auf der DANA, dem Schiff der dänischen Kollegen, welches wir die nächsten Jahre als Ersatz für unser eigenes Schiff, der Walther Herwig III, nutzen werden. Wir starten deshalb dieses Jahr von Hirtshals, was auch zu Veränderungen bei den von uns zu befischenden Fanggebieten geführt hat. Es gibt also Neues zu entdecken.

Zusätzlich gibt es auch einige Neuerungen im Arbeitsprogramm, denn wir sind bei Kollegen ein beliebter Survey, wenn man Proben aus der ganzen Nordsee haben möchte. Zu all dem später mehr! Aber nun erstmal los … und dies bei ungewöhnlich gutem Wetter. Das sind wir eigentlich so nicht wirklich gewohnt im Februar.

Alltag

Dank des guten Wetters haben wir bisher gute Fortschritte gemacht. Mit der Bearbeitung von 18 Fischerei-Hols haben wir bereits ein großes Gebiet abgedeckt. Das Team der Tagschicht hat sich mittlerweile gut eingespielt, und die Aufarbeitung der Fänge läuft professionell und zügig.

Wir beginnen damit, die gefangenen Fische nach Arten zu trennen. Alle überlebensfähigen Tiere werden in spezielle Becken mit Seewasser gebracht, um sie nach der Datenaufnahme schonend zurück ins Meer zu entlassen. Besonders Haie, Rochen und kleine Zirrenkraken haben gute Überlebenschancen.

Nachdem wir die Arten sortiert haben, folgt die Gewichts- und Größenmessung. Um genauere Informationen über den Zustand der Bestände zu erhalten, entnehmen wir Gehörsteine zur Altersbestimmung. Außerdem bestimmen wir die Geschlechter und die Reifestadien der Fische.

MIK (inkl. Quallen und Tintenfische?)

Gleich nach dem letzten Fischerei-Hol wird das sogenannte MIK-Netz vorbereitet und unsere Nachtschicht beginnt mit ihrer Arbeit. Das MIK ist ein Planktonnetz mit einem ringförmigen Einlass von zwei Meter Durchmesser. Es wird bei drei Knoten Fahrt horizontal geschleppt und dabei langsam bis auf höchstens 100 Meter Wassertiefe oder mindestens fünf Meter über dem Meeresboden herabgesenkt und wieder hinaufgeholt. Die primäre Aufgabe der MIK-Probennahme auf dem IBTSist der Fang von Heringslarven, um Informationen über die Nachwuchsstärke des Nordseeherings zu erhalten.

Das MIK kann aber mehr. Denn natürlich gehen uns nicht nur Heringslarven ins Netz. Seit zwei Jahren unterstützen wir eine dänische Kollegin bei der nordseeweiten Beprobung von Quallen. Dies mündete bereits in wissenschaftliche Publikationen und auch dieses Jahr führen wir das Programm weiter. Denn mittlerweile sind wir nicht nur richtig gut im Heringslarven bestimmen, sondern können eben auch Quallen ;)

Und seit diesem Jahr schauen wir auch genauer auf Tintenfische im MIK. Denn auch über die ersten Lebenswochen der Nordsee-Tintenfische ist bisher nur wenig bekannt. Tintenfische durchlaufen im Gegensatz zu einigen Fischarten oder Krebstieren keine gravierende Metamorphose, ihre Larven sehen einfach aus wie kleine erwachsene Tiere. Sie sind so klein, dass sie in den ersten Wochen nach dem Schlupf aus ihren Laichgebieten mit der Strömung weggetragen und im Meer verteilt werden. Deshalb ist es sehr schwer sie zu beobachten. Auch auf Tintenfischlarven ausgerichtete Probennahmen haben immer nur wenige Exemplare im Netz. Umso wichtiger ist es, Möglichkeiten wie die MIK-Probennahme beim IBTSwahrzunehmen, um der Biologie der Tiere auf die Spur zu kommen.

Tintenfische

Dieses Jahr haben wir auch eine Kollegin unseres Partner Institutes aus der Ostsee dabei. Das ist ziemlich gut, weil sie eine Expertin für Tintenfische ist. Tintenfische werden immer zahlreicher in der Nordsee und werden auch bereits als fischereiliche Ressource genutzt. Daher untersuchen wir nun auch diese Tiere und die Kollegin soll uns dabei helfen, die Arten genauer zu bestimmen.

Kommerziell wichtigste Arten der Nordsee sind der Nordische Kalmar (Loligo forbesii) und der gemeine Kalmar (Loligo vulgaris). Von beiden hatten wir schon große Exemplare mit im Netz. Am häufigsten finden wir Alloteuthis sp. (gepfriemte (A. subulata) oder marmorierte Zwergkalmare (A. media)), die in anderen Ländern wie Portugal oder Spanien als Delikatesse gelten. Highlights dieser Fahrt waren eine relativ großer Zirrenkrake (Eledone cirrhosa). Die Tiere werden in der Nordsee selten grösser als 16 cm, unser Exemplar war 11cm groß. Zudem haben wir mehrere Eipakete von Loligo sp. gefunden, was ebenfalls sehr interessant war, da noch nicht so viel über die Laichgebiete der Tintenfische bekannt ist. 

Marine Litter Sandy

Neben lebenden Organismen dokumentieren wir auch Müll, den wir in unseren Fängen haben. Es ist immer wieder erschreckend, was sich alles an Müll auf dem Meeresboden findet und feststellbar, dass es kaum noch einen Fang ohne Müll gibt.

Meeresmüll stellt eine der größten Bedrohungen für die marine Umwelt dar und gefährdet die Gesundheit von Meereslebewesen. Jährlich gelangen Millionen Tonnen Plastik und andere Abfälle in unsere Meere, was zu verheerenden Folgen für die Tierwelt führt, die diese Materialen oft verwechseln und fressen.

Meeresmüll setzt sich hauptsächlich aus verschiedenen Arten von Plastik (Plastiktüten, Flaschen, Verpackungen, Fischereiausrüstung) und Mikroplastik, das aus dem Zerfall größerer Plastikgegenstände entsteht, zusammen und macht ca. 80% des gesamten Abfalls im Meer aus. Aber auch Glas, Metall, Gummi und organische Abfälle gelangen auf verschiedene Wege ins Meer.

Uns begegnen bei unseren Fängen hauptsächlich Verpackungen, Glasflaschen und Netz- bzw. Fangleinen aus der Fischereiindustrie. Wir haben einige unserer „Funde“ mal für ein kleines Upcycling verwendet, und unserer Fischereiforschungs-Barbie - sie heißt Sandy - ein neues Outfit verpasst.

Genetische Methoden auf dem IBTS

Genetische Methoden werden immer wichtiger auf unseren Reisen. Schon letztes Jahr haben wir mit einer Beprobung mittels Umwelt-DNA (eDNA) begonnen. Die Analyse von eDNA ist ein molekularbiologisches Verfahren, welches als besonders habitat- und tierschonende Methode zur Erfassung der Fischfauna gilt. Nach den sehr positiven Erfahrungen des letzten Jahres, setzen wir das Programm auch dieses Jahr fort.

Dieses Jahr erproben wir eine weitere genetische Methode auf dem IBTS. Unsere Kollegen des Thünen-Institutes für Fischereiökologie wollen versuchen, anhand von genetisch analysierten Gewebeproben das Alter von Fischen zu bestimmen. Die Scholle ist für dieses Programm als Zielart in den Fokus gerutscht. Unsere Aufgabe ist es nun 390 Gewebeproben der Scholle aus der Nordsee zu besorgen.

Kleine Abwechslung: Rescue Hubschrauber

Ein kleines Highlight gab es heute zu bestaunen. Wir sind gerade im Moray Firth, vor der schottischen Küste. Ein Rettungshubschrauber der schottischen Küstenwache hat sich über Funk bei uns gemeldet und angefragt, ob er unser Schiff für eine Übung „missbrauchen“ darf. Keine Frage, da hat unser Kapitän zugestimmt. Es war recht spektakulär, wie sich der Mann auf die DANA abgeseilt hat. Danach nochmal kurz über das Wasser geschwebt und schon waren sie wieder weg. Sieht man auch nicht alle Tage.

Ein spektakulärer Fang – der Große Glattrochen

In der Nordsee kommen einige Knorpelfischarten, also Haie und Rochen, vor. Zu den haufigsten Vertretern auf unserer Reise gehören der kleingefleckte Katzenhai (Scyliorhinus canicula), der weißgefleckte Glatthai (Mustelus asterias) und der Dornhai (Squalus acanthias). Der Dornhai wird kommerziell gefangen und seine geräucherten Bauchlappen sind unter dem Namen „Schillerlocke“ bekannt. Bei den Glatthaien dachte man bis vor kurzem, dass es zwei Arten in der Nordsee gibt: den weißgefleckten Glatthai (Mustelus asterias) und den grauen Glatthai (Mustelus mustelus). Genetische Studien konnten allerdings zeigen, dass es keine fundierten Belege für den grauen Glatthai in der Nordsee gibt, sondern dass hier ausschließlich der weißgefleckte Glatthai vorkommt. Zu diesen Untersuchungen konnten auch wir vom IBTS Proben beitragen.

Unter den Rochen finden wir hier haufig den Nagelrochen (Raja clavata), den Fleckrochen (Raja montagui), den Sternrochen (Amblyraja radiata) und den Kuckucksrochen (Leucoraja naevus). Doch auf dieser Reise ging uns auch eine ganz besondere Art ins Netz, der grosse Glattrochen (Ditrupus intermedius). Diese Art ist die größte in der Nordsee vorkommende Rochenart. Die Tiere können bis zu 2,85 Meter lang werden. Unser Exemplar war mit 1,65 Metern schon riesig, aber trotzdem noch ein Jungtier. Wir haben es wohlauf wieder dem Meer übergeben. Denn die Tiere gelten als selten und geschützt.

Mageninhaltsanlyse auf dem IBTS

Auf dem IBTSwerden jedes Jahr von ausgewählten Fischarten Mägen gesammelt und für die spätere Analyse im Institut "weggefrostet". Die Mägen sammeln wir von ausgewählten Fischarten, die jedes Jahr wechseln. Dazu gehören seltenere Arten wie der Steinbutt, Glattbutt, Leng, Lump, roter Knurrhahn, Heilbutt, und Pollack. Diese Fischarten werden seltener gefangen, weil sie entweder nur eine geringe Häufigkeit in der Nordsee aufweisen oder in Gebieten leben, die von "unreinem Grund" (Steine, Wracks etc.) gekennzeichnet sind. Dort wird wenig gefischt, da die Wahrscheinlichkeit für einen Verlust des Netzes zu groß wäre. Umso größer ist die Bedeutung der Beproung der Mägen dieser seltenen Fischarten.

Zu den häufig vorkommenden Arten für die Magenbeprobung gehören zum Beispiel Kabeljau, Wittling und Köhler (Seelachs). Auf dieser Reise werden von Schellfisch und Makrele Mägen entnommen. Hierfür werden auf jeder Station routinemäßig Länge, Gesamtgewicht, Schlachtgewicht, Geschlecht und Reifegrad der Gonaden der Fische aufgenommen. Zusätzlich entnehmen wir die Otolithen zur Altersbestimmung und von jeweils zwei Fischen dieser Arten die Mägen.

Wofür werden Mageninhaltsanalysen durchgeführt?

Auf einen Fischbestand wirken ein sogenannter fischereilicher und ein natürlicher Druck, die über einen Anstieg oder eine Senkung der Bestandgröße entscheiden. Der fischereiliche Druck (fischereiliche Entnahme von Fisch aus einem Bestand) wird über den Menschen ausgeübt und kann leicht durch Anhebung und Senkung von Fangquoten gesteuert werden. Der natürliche Druck kann durch ozeanographische Bedingungen, Parasiten und Räuber-Beute-Beziehungen (Wegfraß durch Räuber) ausgeübt werden und lässt sich nur schwer einschätzen.

Genau hier setzt die Mageninhaltsanalyse an, indem quantifiziert wird, wie viel Fraß von einer Fischart auf die andere Art ausgeübt wird und wie groß die Auswirkungen auf die Größe eines kommerziell genutzten Fischbestands sind. Dies ist wichtig zu wissen, um Fangquoten anpassen zu können und so Überfischung vorzubeugen. Durch eingeschleppte Arten können heimische Arten im Nahrungsnetz verdrängt werden und Räuber-Beute-Beziehungen können sich verändern. Das ist gerade im Hinblick auf den Klimawandel ein immer größer werdendes Problem.

Durch den IBTS wird die gesamte Nordsee von vielen Nationen großräumig abgedeckt, so dass eine große Anzahl von Fischmägen gesammelt werden können. Dies ergibt einen großartigen Überblick über die unterschiedlichen Fraßdrücke die von Prädatoren ausgehen sowie Einblicke über Veränderungen in der Nordsee. Dies macht den IBTSzu dem bedeutendsten Survey in der Nordsee für die Magenbeprobung.

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